364. Folge

Der Nachtwächter

Der Nachtwächter

Heute nacht mussten unsere Kaufhaus-Abenteurer nicht lange warten, bis der riesige Wachmann des KaDeSü auftauchte. Kurz nachdem die Turmuhr aufgehört hatte, zur Mitternacht zu schlagen, sahen sie an der Rolltreppe den Lichtstrahl einer großen Taschenlampe. Und als hätte er es gewusst, lief der Nachtwächter direkt in die Spielzeugabteilung zu den hintersten Regalen. „Aha, da sind sie ja wieder, meine kleinen Kaufhaus-Diebe“, sagte er und lächelte freundlich, „aber wen habt ihr denn heute mitgebracht?“ Aladin verbeugte sich und antwortete, er sei aus Bagdad und zu Besuch in Zwergenhausen; er müsse jetzt aber bald zurück reisen, sein Effendi warte bestimmt schon auf ihn, er wolle ihn nicht auch noch erzürnen. Der Nachtwächter nickte rätselhaft und schaute dabei Monika so tiefgründig an, dass ihr Puppenherz wie wild zu schlagen anfing. „Aber aus unserer Monika soll doch ein Mensch werden“, wandte sich der Nachtwächter wieder an den kleinen Turbanesen und stellte sich so dicht vor ihm auf, dass er ihm genau ins Gesicht blicken musste. „Schau mich an, Aladin“, sagte er leise, „erkennst du mich nicht?“ Aladin schaute dem Wachmann mit dem langen Bart lange ins Gesicht. Er kannte den Mann mit den freundlichen Augen und dem Lächeln um die Lippen, aber erst als der Nachtwächter einen Kaftan überzog und seinen Bart ordentlich kämmte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: „Effendi!“, sagte Aladin ohne Erstaunen, „du bist es, Effendi.“

Blass und stumm vor Schreck stierten Marie und Monika fassungslos zu ihrem Nachtwächter. Ihnen blieb der Mund so weit offen stehen, dass ihnen der Wachmann einen sanften Klaps geben musste, um wieder zu sich zu kommen. „Dann gebe ich dir jetzt MEINE ERLAUBNIS, Aladin“, hörten sie ihn nun zu dem kleinen Turbanesen sagen, „du weißt ja, die beiden wollen Zwillingsschwestern werden.“ Damit verabschiedete sich der Nachtwächter winkend und lief zur Treppe, um hinab in den Keller des Kaufhauses zu gehen, dorthin, wo er einst die Puppe vor ihrem sicheren Tod im Müllschlucker bewahrt hatte. Aladin aber holte die Öllampe aus seinem Beutel hervor und stellte sie vor sich hin. Dann schaute er Monika und Marie lange in die Augen und begann langsam an der Lampe zu reiben. „Du musst Eddi ablegen“, sagte er zu Monika, „zwei Spielzeuge auf einmal geht nicht.“ Schweren Herzens überreichte Monika ihren kleinen Problembär an Marie, die so gespannt war wie noch nie in ihrem Leben. Allmählich stieg weißer Rauch aus der Lampe, der groß und größer wurde, bis er fast die ganze Spielzeugabteilung einnahm. Dann formte er sich zu der furcherregenden Gestalt, die sie nun schon zweimal gesehen hatten. Schließlich begann der Lampengeist mit fürchterlicher Stimme zu sprechen: „Ich bin dein Diener. Was verlangst du von mir? Ich bin bereit zu gehorchen.“ Aladin antwortete ruhig wie immer: „Dschinn, mache aus Monika ein Menschenkind, aber ein solches, das sich von Marie nicht mehr unterscheiden lässt.“ – Der Geist nickte und machte sich an die Arbeit.